
Chinas Industrie: Die Gefahr, die in Deutschland notorisch ignoriert wird
In Form einer Studie unter dem Titel „China shock 2.0. – the cost of Germany’s complacency“, übersetzt so viel wie „die Kosten der deutschen Selbstzufriedenheit“.
Darin vertreten die Ökonomen Sander Tordoir und Brad Setser die These, Deutschlands Unternehmen litten nicht vornehmlich unter verkrusteten Strukturen, hohen Kosten und fehlender Wettbewerbsfähigkeit. Sondern sie würden plattgemacht und an den Rand gedrängt von einer immer übermächtigeren chinesischen Industrie. Besonders pikant dabei ist der Vorwurf der „complacency“. Denn das war viele Jahre der Kampfbegriff für all jene, die Deutschen und Europäern gerne vorhielten, satt, träge und reformmüde zu sein – selbstzufrieden eben. Jetzt schnappen sich Tordoir und Setser den Begriff und interpretieren ihn ganz anders: nämlich als hochriskante Ignoranz vor der chinesischen Übermacht, der man nur mit Protektionismus begegnen könne.
Man muss nicht alles teilen, was Tordoir und Setser auf ihren 24 Seiten launig zusammentragen. Aber eine Bereicherung für die ökonomische Debatte ist ihr Aufsatz allemal.
Im Kern dreht sich ihre Analyse um den rasanten Aufstieg Chinas in zentralen Branchen und Märkten: etwa bei der Versorgung der Welt mit Rohstoffen, seltenen Erden und chemischen Grundstoffen für die Pharmaindustrie; im Bereich von Chips und Robotern; vor allem auf dem Markt für Elektroautos und Batterien. In all diesen Märkten ist China heute dominierend, sowohl technologisch als auch gemessen am Umsatz. Besonders frappierend ist der Aufstieg der chinesischen Autoindustrie auf dem Weltmarkt seit dem Ende der Corona-Pandemie, wie diese Grafik zeigt.
Setser und Tordoir kommen zu dem Schluss, dass die verschiedenen Zweige der chinesischen Industrie ihre europäischen Wettbewerber in den kommenden Jahren komplett verdrängen und ihr Geschäft übernehmen werden. Sowohl auf dem Weltmarkt als auch in ihren Heimatmärkten. Das Schicksal der deutschen Solarindustrie, vor kaum mehr als 15 Jahren noch weltweit eine Vorzeigeindustrie und heute nicht mehr existent, da komplett chinesisch, wäre demnach nur ein Vorgeschmack. Oder der Niedergang der US-Industrie in den 2000er Jahren, der brutale Verfall in Metropolen wie Detroit, der erahnen lässt, was auf Regionen wie Stuttgart noch zukommt.
