Wo China die Zukunft baut, mitten in Deutschland

Press quote (Süddeutsche Zeitung)
26 June 2026

Ein Treffen in Berlin im Mai. Café „Einstein Unter den Linden“. Es treten ein, etwas außer Atem, Brad Setser und Sander Tordoir. Sie sind gerade vom Bundestag herübergeeilt, ihre Tage gefüllt mit Gesprächen mit Parlamentariern und Ministeriumsleuten. Setser und Tordoir sind Ökonomen, haben gemeinsam einen alarmierenden Bericht verfasst, der nach seiner Veröffentlichung wenige Tage später dem Handelsblatt eine Titelseite wert sein wird. Jetzt gehen sie in Berlin hausieren mit einer Botschaft: Wacht auf! Titel ihres Berichts: „China-Schock 2.0 – Die Kosten der deutschen Selbstgefälligkeit“.

Brad Setser ist US-Wirtschaftswissenschaftler, ein renommierter Experte für globale Ungleichgewichte, der unter Joe Biden fürs Finanzministerium in Washington arbeitete. Setser bestellt ein kleines Schultheiss und gibt, begleitet von dröhnendem Lachen, eine Geschichte darüber zum Besten, wie ihn einmal chinesische Agenten anwerben wollten. Dann wird Setser ernst: „Die Zahlen sind schockierend, wirklich“, sagt er.

Umso verblüffender, wirft der neben ihm sitzende Sander Tordoir ein, sei für ihn als Niederländer die „seltsame Diskrepanz“ in der deutschen Hauptstadt zwischen der Wucht der Zahlen auf der einen Seite und der Schwerfälligkeit der Erkenntnis und dem fast vollständigen Mangel an Taten auf der anderen. Er beobachte da eine „kognitive Dissonanz“. Als hätten die Leute das ganze Ausmaß dessen, was da auf Deutschland zurollt, nein: was hier längst hereingerollt ist, noch nicht wirklich verstanden. Sander Tordoir, 36 Jahre, jugendlicher Lockenkopf, fließendes Deutsch, lebt in Berlin, er ist dort Chefökonom der Denkfabrik Centre for European Reform.

Deutschland, heißt es in dem Bericht von Tordoir und Setser, sei „das Epizentrum“ des neuen China-Schocks. „Ohne Schutzmaßnahmen“, schreiben die Autoren, werde Deutschland nicht die berühmte „schöpferische Zerstörung“ Joseph Schumpeters bekommen, „sondern schlicht und einfach Deindustrialisierung“. Jahrzehntelang erarbeitetes Know-how wird verschwinden, industrielle Ökosysteme und Wertschöpfungsketten werden ersatzlos vernichtet.

...Als junger Student 2008 in den USA an einer Universität in Ohio, sagt Sander Tordoir, habe er die Folgen des ersten China-Schocks selbst erlebt. Als Freiwilliger habe er damals mit Obdachlosen gearbeitet, in Wohnungsprojekten. „Die sozialen Kosten waren riesig“, sagt er. „Ich war damals erst 18, 19, auch deshalb hat es großen Eindruck auf mich gemacht.“ „Deaths of Despair“, Tod aus Verzweiflung: So heißt der Bestseller der renommierten Ökonomen Anne Case und Angus Deaton, der später den Anstieg der Sterblichkeit in der amerikanischen Arbeiterschaft durch die Opioid-Krise, Alkoholmissbrauch und Suizide zum geflügelten Wort machte.

...„Meine Sorge ist“, sagt Sander Tordoir, „dass es möglicherweise in Deutschland zu ähnlichen Entwicklungen kommen könnte, auch wenn es über eine stärkere soziale Absicherung verfügt.“

Wie bitte? Deindustrialisierung, Verarmung ganzer Regionen, Aufstieg der Radikalen und schließlich Machtübernahme durch die extreme Rechte? „Nicht auszuschließen“, sagt Tordoir. „Wenn Deutschland nicht handelt.“

...Der China-Schock 2.0 ist da. Und diesmal sind wir dran.

„Von allen Gründen für Deutschlands Malaise ist der China-Schock der wichtigste“, sagt Sander Tordoir. „Und gleichzeitig ist es der, mit dem sich Berlin lange Zeit am wenigsten auseinandersetzen wollte.“