Werden deutsche Sparer tatsächlich enteignet?

Opinion piece (Capital Magazin)
23 August 2019

Berechnungen zeigen, dass  deutsche Sparer durch niedrige Zinsen viel verlieren. Doch stimmen die Zahlen? Gibt es ein Recht auf einen positiven Zins, und ist die EZB der richtige Sündenbock? Ein Selbstgespräch von Christian Odendahl.

Der Chef der Sparkassen schreibt Mario Draghi auf Seite eins der Bild-Zeitung einen Brandbrief, Markus Söder und Olaf Scholz wollen ein Verbot von Strafzinsen. Endlich setzt jemand dem Treiben der EZB Grenzen.

Die EZB hat bereits Grenzen: ihr Mandat. Darin steckt auch der klare Auftrag, die Inflation bei knapp zwei Prozent zu halten. Davon ist die EZB weit entfernt. Dass Söder und Scholz Wahlkampf machen ist klar. Nur beim Brandbrief der Sparkasse in der Bild-Zeitung wundere ich mich etwas: Früher musste man für Werbeanzeigen auf Seite eins etwas zahlen.

Moment, die Deutsche Bank hat kürzlich errechnet, dass europäische Sparer jedes Jahr 160 Mrd. Euro durch die Niedrigzinspolitik verlieren! Das ist doch nicht in Ordnung.

Die Schlagzeile war ihr auf jeden Fall sicher. Inhaltlich würde dem aber kaum eine Ökonomin oder Ökonom zustimmen.

Vor der Finanzkrise gab es noch Zinsen auf dem Sparbuch, heute keine mehr. Das ist doch ein Verlust.

Vor der Finanzkrise gab es auch noch Inflation. Das ist wichtig. Wenn jedes Jahr die Inflation die Zinsen auffrisst, bleibt auch von höheren Nominalzinsen real nichts übrig. Denn was am Ende des Tages zählt ist nicht, wie viele Euros auf dem Konto sind, sondern wie viele Erstligatrikots von Union Berlin man sich von seinem Ersparten kaufen kann. Alles andere ist irrelevant.

Also gab es vor der Finanzkrise auch auf der Bank nichts, es fühlte sich nur so an?

Meistens ja. Von den knapp 200 Monaten seit Januar 2003 gab es nur in 34 Monaten überhaupt positive Realzinsen auf Bankguthaben, sagt die Bundesbank. In über 80 Prozent der Zeit schrumpfte das Geld auf der Bank. Von den 34 Monaten mit positiven Realzinsen liegen übrigens 15 in der Mitte der Finanzkrise 2008/09, als die Inflation einbrach. Sicher kein Zustand, den man sich permanent wünscht.

Aber die Zinsen sind aktuell sehr niedrig, es könnte sogar noch tiefer gehen. Alle deutschen Staatsanleihen, sogar die 30-Jährigen, haben mittlerweile negative Zinsen.

Negative Nominalzinsen über solch lange Zeiträume sind in der Tat bemerkenswert: 30 Jahre sind eine halbe Ewigkeit. Wer 1989 einen 30-jährigen Kredit aufgenommen hat, wusste noch nichts von Deutscher Einheit, Euro, Finanzkrise und zwei Fußballweltmeisterschaften. In 30 Jahren kann viel passieren.

Eben! Wer also sein Geld für 30 Jahre für null Prozent Zinsen verleiht, kann doch nicht ganz bei Trost sein.

Entweder das. Oder sie oder er erwartet für die nächsten 30 Jahre kaum Wachstum oder Inflation. Dann sind sichere null Prozent vielleicht nicht so schlecht. In Japan bekommen Sparer schon seit über 20 Jahren kaum Zinsen. Da in Japan aber auch die Inflation um null Prozent schwankte, verdienten die Sparer real ähnlich wie in Deutschland.

Das heißt, ich muss als Sparer nun mit null Prozent auf ewig zufrieden sein?

Es gibt kein Recht auf einen positiven Zinssatz. Das wäre auch absurd: Ein Zins entsteht am Markt, wenn Ersparniswünsche auf Investitionswillen treffen. Der Wunsch nach sicherer Ersparnis ist weltweit sehr hoch; der Investitionswille niedrig. Was für einen Zins soll man da erwarten?

Warum will denn niemand investieren?

Vereinfacht gibt es drei Teile der Wirtschaft: die privaten Haushalte, die Unternehmen und den Staat. Was der eine sparen will, muss der andere investieren. Früher waren Unternehmen und Staat die Investoren, die Privathaushalte die Sparer. Heute sparen alle drei. Das geht nur gut, weil das Ausland uns die Ersparnisse abnimmt. Dort, im Ausland, wundert man sich übrigens, dass sich ausgerechnet Deutschland – ein Kapitalexporteur – über niedrige Zinsen beschwert.

Aber die EZB könnte doch die Zinsen erhöhen!

Das könnte Sie zwar, aber schon bei dem jetzigen Zins von Null wollen zu wenige investieren, liegen Inflation und Wachstum zu niedrig. Die Zinsen zu erhöhen würde nur dazu führen, dass sich die Wirtschaft noch weiter abschwächt, die Inflation noch weiter zurückgeht, und die EZB sich gezwungen sähe, die Zinsen wieder zu senken. Für die Sparer kämen dabei vermutlich noch niedrigere Zinsen heraus. Glaub mir, das haben Zentralbanken auf der Welt schon ausprobiert. Es wurde nicht zur Nachahmung empfohlen.

Mein Kopf tut weh.

Wie man es dreht und wendet: ordentliche Zinsen gibt es nur bei Wachstum und Vollbeschäftigung. Die EZB versucht, im Moment das ihre zu tun, dass wir beides wiederbekommen.

Du willst sagen, die EZB ist der falsche Sündenbock?

Wenn man ihr einen Vorwurf machen kann, dann, dass sie zu vorsichtig war! Milton Friedman hat mal gesagt: Niedrige Zinsen sind ein Zeichen, dass die Geldpolitik zu straff war. Hätte die EZB also früher und aggressiver gegengesteuert, wäre die Wirtschaft vielleicht nicht so tief gefallen und es gäbe heute schon höhere Zinsen.

Wie bitte? Die EZB war zu vorsichtig?

Die EZB hat zum Beispiel systematisch die Inflation überschätzt: Immer dachte sie, die Inflation wäre gleich um die Ecke. Die Folge: Die EZB sah keinen Grund, die Geldpolitik zu lockern, Besserung war ja in Sicht. Aber hinter der nächsten Ecke war nur noch niedrigere Inflation. Die EZB lief also jahrelang der Musik hinterher, statt wie Zentralbanken es sollten, vorneweg. So schafft man japanische Verhältnisse, also dauerhaft niedrige Zinsen.

Wird es denn mit Christine Lagarde besser?

Sie ist auf jeden Fall nicht zu beneiden. Mario Draghi hinterlässt ihr eine schwächelnde Wirtschaft, kaum Inflation und Zinsen von Null. So schwer hatte es vor ihr noch kein EZB-Präsident.

Es ist also wie immer, wenn es schwierig wird, holt man eine Frau an Bord.

Genau. Doch Lagarde braucht vor allem Hilfe von zwei anderen Frauen, beide Deutsche.

Angela Merkel und …

… Ursula von der Leyen. Denn die EZB wird es kaum schaffen, das Ruder allein rum zu reißen. Lagarde muss alles versuchen, Zinsen weiter senken, vermutlich weitere Staatsanleihen kaufen, vielleicht sogar Bankanleihen oder Aktien, und sie muss zudem aggressiver auftreten. Aber ohne Hilfe der Fiskalpolitik wird es schwer.

Das heißt Deutschland soll wieder mehr Geld ausgeben?

In Europa müssen gerade die, die mehr investieren könnten, wie Deutschland, auch mehr investieren. Das zieht auch private Investitionen nach sich. Schulden zu reduzieren und zu Sparen ist jetzt nicht angezeigt. Die europäischen Regeln und die Schuldenbremse müssen reformiert werden, damit schuldenfinanzierte Investitionen möglich werden. Wenn der deutsche Sparer wieder Zinsen haben will, müssen Staat und Unternehmen investieren. Sonst wird das nichts.

Christian Odendahl ist Chefvolkswirt des Londoner Centre for European Reform (CER).