Wie sich die Coronavirus-Rezession eindämmen lässt

Opinion piece (Makronom)
10 March 2020

Die Covid-19-Krise ist ernst und wird kurzfristig schwerwiegende wirtschaftliche Folgen haben. Aber wenn die Fiskal- und Geldpolitik mutig und entschlossen gegenhält, lassen sich die langfristigen Schäden begrenzen.

Die Finanzkrise von 2008 war eine globale ökonomische Katastrophe. Als die Banken zusammenbrachen und es keine Kredite mehr gab, verloren Millionen Menschen ihre Arbeit, ihr Zuhause, ihre Ersparnisse oder ihr Geschäft. Die Finanzkrise wurde zur Eurokrise, von der sich die Länder nur langsam erholten, viele erlebten ein verlorenes Jahrzehnt. Covid-19 wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer globalen Pandemie entwickeln, und viele Menschen fürchten, dass die wirtschaftlichen Folgen ebenso schlimm wie die der Finanzkrise sein werden.

Und in der Tat ist anzunehmen (und zum Teil bereits beobachtbar), dass die durch die Epidemie verursachten ökonomischen Schäden wahrscheinlich beträchtlich sein werden. Allerdings besteht weiterhin die Chance, dass die langfristigen Auswirkungen weit weniger schwerwiegend sein werden als die Finanzkrise – aber nur, wenn die Regierungen schnell und entschlossen handeln, um nicht nur die gesundheitlichen, sondern auch die ökonomischen Auswirkungen des Coronavirus einzudämmen.

Finanzkrisen sind Vertrauenskrisen

Finanzkrisen sind im Wesentlichen ein Zusammenbruch des Vertrauens in das Finanzsystem: Gläubiger befürchten, dass sie Verluste erleiden und flüchten in sicherere Vermögenswerte. Das führt zu Liquiditätsengpässen, wodurch Unternehmen Schwierigkeiten bei der Kreditaufnahme bekommen, was einige von ihnen in die Zahlungsunfähigkeit treibt. Restriktivere finanzielle Bedingungen führen auch dazu, dass Haushalte und Unternehmen ihre Ausgaben kürzen. So wurde aus der Finanzkrise von 2008 eine Wirtschaftskrise: Die Nachfrage brach zusammen, und als der Einbruch der Kreditvergabe auf die Weltwirtschaft durchschlug, ging der internationale Handel vom Höhepunkt bis zum Tiefpunkt um 15 Prozent zurück. Regierungen und Zentralbanken griffen ein, aber ihre Stimuli reichten nicht aus, um die Privatnachfrage zu stabilisieren oder das Bankensystems schnell genug zu restrukturieren.

Die Ökonomik des Coronavirus ist anders, aber wird zum Teil einem ähnlichen Muster folgen. Die Furcht vor einer gesundheitlichen wie ökonomischen Ansteckung und die dringend notwendigen Maßnahmen der Regierungen zur Eindämmung der Ausbreitung der Krankheit haben zu einem globalen Angebotsschock geführt, vor allem in der Industrie: Fabriken und Büros schließen oder fahren ihre Aktivitäten zurück, um die Beschäftigten zu schützen. Da die Infizierten sich selbst isolieren – und auch andere ihre sozialen Kontakte reduzieren – geben sie weniger für Flüge, Restaurantbesuche und sonstige gesellschaftliche Aktivitäten aus. Unternehmen bekommen Liquiditätsprobleme: Die Produktion verlangsamt sich, da die Arbeitnehmer zu Hause bleiben, und die Einnahmen zu sinken beginnen. Wird dies nicht adressiert, müssen die Unternehmen möglicherweise Mitarbeiter entlassen oder ganz schließen. Aus diesem Grund befinden sich die Aktienmärkte weltweit im freien Fall, und Staatsanleihen haben an Wert gewonnen, da die Investoren in Sicherheiten flüchten.

This Time Is Different

Es besteht jedoch ein großer Unterschied zwischen der Unsicherheit, mit der wir in der Großen Rezession und der Eurokrise konfrontiert waren, und der heutigen Situation. Das Ausmaß und die Schwere der Finanzkrise war im Vorfeld und auch noch während der Krise schwer vorherzusagen. Die Coronavirus-Epidemie ist für Epidemiologen und damit auch für die Regierungen berechenbarer. Das Virus breitet sich mit konstanter Geschwindigkeit aus (was durch Eindämmungsmaßnahmen verlangsamt werden kann), wobei sich die Neuinfektionen alle drei bis vier Tage verdoppeln. Erste Daten deuten darauf hin, dass zwischen 40 und 70 Prozent der Weltbevölkerung erkranken werden, aber davon werden sich über 96 Prozent erholen (zumindest in Ländern mit fortgeschrittenen Gesundheitssystemen). Das bedeutet, dass sich die Pandemie schnell ausbreiten wird, wobei sie in Europa im Mai oder Juni ihren Höhepunkt erreichen dürfte. Danach sollte die Infektionsrate sinken und die Wirtschaft einen Erholungsprozess beginnen können.

 

Die Versuche der Regierungen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, sind notwendig, um zu verhindern, dass die Gesundheitssysteme überlastet werden. Epidemiologen sagen, dass die Infektion nicht ganz gestoppt werden kann. Das Virus kann dann in der Bevölkerung endemisch werden, was bedeutet, dass es saisonale Infektionswellen wie die Grippe geben wird – aber diese Wellen werden ökonomisch weit weniger zerstörerisch sein. All dies deutet darauf hin, dass die wirtschaftlichen Folgen zwar kurzfristig schwerwiegend sind, aber nicht so kostspielig wie die Finanzkrise sein müssen, solange die Regierungen frühzeitig eine aggressive Wirtschaftspolitik verfolgen, um die Liquidität der Unternehmen zu unterstützen, die Lohnausfälle der Arbeitnehmer auszugleichen und die Wirtschaft im weiteren Sinne zu stimulieren, um eine rasche Erholung nach dem Abklingen der Epidemie zu fördern.

Die Anti-Corona-Allianz

Die größte Bedrohung für die Wirtschaft ist, dass lebensfähige Unternehmen illiquide werden und Pleite gehen. Und solche eigentlich vorübergehenden Störungen können dauerhafte Auswirkungen haben: Eine Konkurswelle würde bleibende Schäden in der Wirtschaft hinterlassen, wenn Unternehmen, die eigentlich ein vernünftiges Geschäftsmodell haben, vom Markt verschwinden, ihre Arbeitnehmer arbeitslos werden und Wissen verloren geht.

Um diesem Risiko zu begegnen, braucht es eine Allianz von Bankaufsichtsbehörden, öffentlichen Investitionsbanken, Zentralbanken und Finanzministern. Die Aufsichtsbehörden sollten die Banken dazu ermutigen, gegenüber Unternehmen in stark betroffenen Wirtschaftssektoren, wie z.B. dem Tourismus, Nachsicht walten zu lassen, indem sie bestehende Kredite verlängern. Aber die Banken werden nicht in der Lage sein, die Liquiditätsprobleme der Unternehmen allein zu lindern. Die Verlängerung von Krediten bedeutet, dass die Banken Risiken übernehmen. Daher sollten auch öffentliche Investitionsbanken den stärker betroffenen Sektoren subventionierte Kredite zur Verfügung stellen. Dies geschieht in der Regel indirekt über private Banken, die einen Teil des Risikos dieses Kredits übernehmen und daher die Bilanzen der Unternehmen sorgfältig prüfen. Dieser Prozess begrenzt das Risiko für die Bilanz der öffentlichen Bank und macht es unwahrscheinlich, dass Firmen, die bereits an der Schwelle zum Konkurs stehen, wie z. B. die britische Fluggesellschaft FlyBe, öffentlich subventionierte Liquiditätshilfen erhalten.

Corona-TLTROs und Corona-Elterngeld

Allerdings werden selbst diese gezielten Maßnahmen über private Banken und öffentliche Investitionsbanken möglicherweise nicht die gesamte Nachfrage nach Überbrückungskrediten befriedigen. Hierfür braucht es die Zentralbanken, in Europa also die EZB. Deren bestes Instrument wären sogenannte „gezielte langfristige Refinanzierungsgeschäfte“, kurz TLTROs. Einfach ausgedrückt werden TLTROs dazu verwendet, den Banken umso günstigere EZB-Finanzierungen zu gewähren, je mehr sie ihre Kreditvergabe an Unternehmen ausweiten. Die EZB sollte einen „Corona-TLTRO“ einführen: sehr billige kurzfristige Liquidität zu negativen Zinssätzen, die die Banken dazu veranlassen würde, weitere Kredite zu vergeben.

Auch die Fiskalpolitik sollte Liquiditätshilfen bereitstellen. Die Unternehmen müssen Löhne zahlen, auch wenn sie gezwungen sind, ihre Produktion aus Mangel an Arbeitskräften oder Lieferungen zu reduzieren. Daher sollten die Regierungen Kurzarbeiterregelungen in Betracht ziehen, mittels derer Unternehmen Zuschüsse beantragen können, wenn sie die Wochenarbeitszeit für ihre Mitarbeiter reduzieren müssen. Die deutsche Bundesregierung hat bereits eine vereinfachte und großzügigere Kurzarbeitsregelung zur Linderung der mit Covid-19 verbundenen Probleme auf den Weg gebracht, auch andere europäische Regierungen sollten diesem Weg folgen. Im Übrigen sollten solche Programme auch für Selbständige zu den gleichen Bedingungen zur Verfügung gestellt werden.

Um die Pandemie einzudämmen, müssen möglicherweise Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen schließen. Dies verschlechtert die finanzielle Situation von Eltern, wenn sie unbezahlten Urlaub von der Arbeit nehmen müssen. Regelungen wie ein Corona-Elterngeld würden Eltern helfen, die ihr Einkommen verlieren, weil sie sich um ihre Kinder kümmern mussten. Dass die deutsche Regierung es versäumt hat, eine solche Politik in ihr am Internationalen Frauentag angekündigtes Programm aufzunehmen, ist nicht ohne Ironie – gerade in Deutschland wird ein Großteil der Care-Arbeit von Frauen erbracht.

Weitere Unterstützung kann die Fiskalpolitik durch einen dreimonatigen Aufschub bei der Eintreibung von Mehrwertsteuer und Lohnsteuer von Unternehmen leisten (Italien hat die Zahlung der Lohnsteuer bereits aufgeschoben). Der Vorteil dieser Maßnahme besteht darin, dass sie auf breiter Basis Liquidität zur Verfügung stellt, aber sie ist nicht ohne Risiken: Unternehmen, die an der Schwelle zum Konkurs stehen, werden ebenfalls profitieren, und der Staat könnte dafür am Ende die Zeche zahlen. Aber viele europäische Regierungen bekommen derzeit negative Zinssätze für kurzfristige Kredite. Die Finanzministerien würden also einen Gewinn erzielen, wenn sie verspätete Steuerzahlungen akzeptieren und dafür neue Schulden machen. Der Nettoeffekt auf den Staatshaushalt – ein kleiner Verlust aufgrund von Konkursen – wäre auf längere Sicht die zusätzliche Liquiditätshilfe durchaus wert.

Die Dienstleistungsbranche ist besonders betroffen

Sobald die diesjährige Epidemie vorbei ist, wird es ein gewisses Aufholwachstum geben, da die Unternehmen ihre Lagerbestände wieder auffüllen und die Verbraucher die aufgeschobenen Ausgaben nachholen werden. Dies unterscheidet sich von den Nachwirkungen der Finanzkrise, als sich die Schulden als nicht tragfähig erwiesen und abgebaut werden mussten, was zu einer ungewöhnlich langen Periode geringeren Konsums geführt hat.

 

Allerdings wird es einen Unterschied geben zwischen der post-epidemischen Erholung im verarbeitenden Gewerbe, das wahrscheinlich einen starken Aufschwung erleben wird, und dem Dienstleistungssektor, der möglicherweise für einen längeren Zeitraum zu kämpfen haben wird. Wer vor hatte, eine neue Brille zu kaufen, diese aber aufgrund von Produktionsengpässen nicht verfügbar war, wird den Kauf nach Ende der Epidemie sehr wahrscheinlich nachholen. Die Verbraucher werden jedoch nicht die Mahlzeiten nachholen, die sie während ihrer Isolation in der Kneipe nebenan gegessen hätten. Fußballspiele werden in leeren Stadien ausgetragen, und Konzertreisen werden einzelne Städte auslassen oder ganz abgesagt werden. Der „soziale Konsum“ – wie auswärtige Verpflegung, Konzerte oder Reisen – wird am stärksten betroffen sein, wobei die gedrückte Nachfrage möglicherweise bis in den Sommer und Herbst andauern wird, da die Menschen auch nach dem Ende der Epidemie eine Ansteckung befürchten.

Für die Firmen im verarbeitenden Gewerbe werden Liquiditätshilfen wahrscheinlich ausreichen, da sie wie erwähnt auf eine rasche Erholung hoffen können. Aber um die Erholung des Dienstleistungssektors nach dem Höhepunkt der Epidemie zu beschleunigen, wird es die Unterstützung der Fiskalpolitik brauchen. Die Regierungen wollen die Menschen momentan zurecht nicht dazu ermutigen, zu reisen, in Restaurants zu gehen und große Versammlungen zu besuchen, und sie sollten auch nicht versuchen, jetzt den sozialen Konsum anzuregen. Aber sie könnten ankündigen, dass es nach dem offiziellen Ende der Epidemie eine sechs- bis neunmonatige Mehrwertsteuersenkung für die am stärksten betroffenen Dienstleistungssektoren geben wird. Das würde auch die Banken ermutigen, diesen Unternehmen Kredite zu gewähren, da sie dann wissen, dass diese nach dem Ende der Epidemie höhere Einnahmen haben werden.

Internationale Koordination

Die konjunkturellen Maßnahmen sollten idealerweise zwischen Europa, den USA und Asien koordiniert werden, um Unternehmen und Märkten zu signalisieren, dass die Welt entschlossen ist, die ökonomischen Auswirkungen der Epidemie zu minimieren. Einige Kommentatoren haben angedeutet, dass fiskalische Anreize sinnlos seien, da Steuersenkungen oder Krediterleichterungen nicht zu höheren Ausgaben führen, wenn sich die Menschen zu Hause isolieren. Aber nicht alle Menschen werden zu Hause völlig isoliert sein – nur diejenigen, die das Virus haben oder Gefahr laufen sich anzustecken. Online-Shopping, größere Anschaffungen wie Autos oder die Buchung von Reisen später im Jahr werden weniger betroffen sein. Darüber hinaus braucht die administrative Umsetzung eines fiskalischen Stimulus Zeit und wird daher in den meisten europäischen Ländern erst nach Erreichen des Epidemie-Höchststandes bei den Menschen ankommen. Aber wenn der Stimulus heute angekündigt wird, wird er die wirtschaftlichen Aussichten für Unternehmen und Verbraucher verbessern und die derzeitige Panik auf den Finanzmärkten lindern.

 

Schon bevor COVID-19 Europa erreichte, hatte die europäische Wirtschaft Probleme. Jetzt, wo der Ausbruch zu einer Epidemie geworden ist, ist eine Rezession in der ersten Hälfte des Jahres 2020 so gut wie sicher. Dies macht ein frühzeitiges und aggressives Handeln zur Stimulierung der Wirtschaft – und das Management von Erwartungen an künftige Konjunkturmaßnahmen – unerlässlich. Da das Virus so ansteckend ist, wird die Infektionsrate innerhalb von drei bis vier Monaten einen Höhepunkt erreichen, bevor sie wieder sinkt. Für die Regierungen ist das Glück im Unglück, denn es bedeutet, dass sie mehr Gewissheit über den künftigen Verlauf als bei anderen Krisen haben. Aber wenn die Regierungen jetzt nicht handeln, riskieren sie eine Welle von Konkursen und steigender Arbeitslosigkeit. Sie sollten mutig sein.

 

Christian Odendahl ist Chef-Volkswirt des Centre for European Reform (CER)

John Springford ist Vize-Direktor des CER.